NABU RV Dahmeland JahreBuch 2013

Jahrebuchartikel 2013  

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KW 38

Am Springsee mit allen Sinnen  

Aufmerksam und in kleiner Gruppe wollen wir auf einer Wanderung am Springsee Impressionen festhalten. Um die Sinne zu schärfen, vereinbaren wir, beim Wandern zu schweigen und etwa alle 15 Minuten unsere Eindrücke, was wir hören, sehen, riechen und fühlen, aufzuschreiben. Kurz hinter dem Naturcampingplatz am Springsee, an der Grenze zum Militärgebiet, laufen wir zunächst hoch in den Kiefernwald.
Wir schreiben den schönen Monat Mai, der Wald duftet süßlich, die Luft fühlt sich leicht an, die Vögel zwitschern um die Wette, die Tro­ckenheit warnt vor hoher Waldbrandgefahr. Hier im dunklen Kiefernwald verschwimmen die Jahreszeiten, doch mittendrin eine Birke, die ihre grünen Triebe den hohen dunklen Stämmen zeigt. Bald sind wir an einem Hochsitz, hier lichtet sich der Wald. Vor uns liegt ein liebliches helles Tal und die Ohren vernehmen ein Froschkonzert.
Zum See hin wird der Wald lichter. Erstaunlich viele Eichen finden Platz zwischen den nur noch einzeln stehenden Kiefern. Am Fließ wird es so idyllisch, dass man fast von Kitsch reden könnte. Allerdings wird diese Idylle von Mücken und Motorbooten auf dem See überschattet.
Wir laufen ein kleines Stück zurück, direkt auf einen schmalen Pfad am Springsee, der dem Naturcampingplatz gegenüber liegt. Bald liegt ein Baum malerisch im Wasser, lädt ein zu einer Pause, Eindrücke werden aufgeschrieben.
Der Pfad schmiegt sich schmal an den steilen Hang. Moränen haben vor Urzeiten die Landschaft gefaltet, auf und nieder. Der Wind streicht über den See, durch die Bäume, an meine Wange – sanft umschmeichelt mich milde Frühlingsluft. Nicht weit vom Pfad entfernt liegt ein Militärge­biet und so grüßt der Standortälteste: »… verbo­ten und wird strafrechtlich verfolgt.« Die Bäume kümmert das nicht. Sie liegen im Weg, sie liegen im Wasser, sie liegen einfach im Wald herum.
Kurz bevor wir den Campingplatz erreichen, wird es sumpfig – leider ziehen die schönen feuchten Biotope nicht nur Farnpflanzen, sondern auch Mücken an.
Doch schon bald kommen wir auf sandigen Boden, mit Kienzapfen bedeckt. Wir schmecken den Wald, Waldbeerenmarmelade, Waldhonig. Unsere Mägen sagen Hunger. Weit schweift der Blick über den See. Wir erkunden eine Welt wunderbarer Schreibbilder.
Kirsten Heidler


Natur-, Kultur- & Landschaftsführerin: Kirsten Heidler · www.verfuehrungen-dahme-spree.de

Am Springsee · Foto: Kirsten Janke

 

 

KW 37

Klingespring und Briesensee. Eine Wald- und WasserWelt voller Schätze

Unsere Wanderung verläuft durch das Naturschutzgebiet »Briesensee-Klingeberg« bei Tornow. Sie beginnt und endet gegenüber der Gaststätte »Zur Linde« in Teupitz, Ortsteil Tornow. Der Weg führt entlang am Ufer des Tornowsees und durch duftenden Kiefernmischwald. Vorbei geht es an uralten Baumriesen und zu den klaren Quellen des Klingesprings mit seinen Teppichen aus Brunnenkresse. Ein kleines Wasserspiel erklingt hier vom Frühjahr bis in den Herbst. Entlang am stillen, sich schlängelnden Briesengraben steigen wir einen kleinen Berg hinauf und sind auf einmal auf offener Heide. Hier finden wir Findlinge und silberne Gräser.
Ferial Geister
Natur-, Kultur- & Landschaftsführerin: Ferial Geister · www.verfuehrungen-dahme-spree.de

Foto: Daniela Kache

 

 

KW 36

Glück

Wenn das nicht mein eigener Arbeitsweg wäre, würde ich mich glatt darum beneiden. Zum Glück ist noch (!) nicht jeder Weg zwischen Königs Wusterhausen und Bestensee asphaltiert, begradigt und von jeglichen Bäumen oder Hecken »befreit«. Und so kann ich,weil ichmit dem Fahrrad unterwegs bin, raus aus dem Büro, raus aus der grauen Stadt, weg den vollen Straßen, fort von genervten Parkplatzsuchenden. Ich fahre hinein, in das lebendige Grün mit dem unglaublichen Licht und – wenn man das Rauschen der Autobahn nicht hört – der betörenden Ruhe der rauschenden Baumkronen und singenden Piepmätze. Einen empfehlenswerteren Feierabend zu erleben, als auf dieseWeise, gibt es wohl nicht.
Sylvia Schmidt

Foto: Sylvia Schmidt

 

 

KW 35

Von Buchen, geheimnisvollen Wichteln und KorallenUnterwegs im Wald- und Wasserreich um Oderin

Umgeben von Dünen, Wäldern und Gewässern liegt das Dörfchen Oderin. Hier können Sie in fach- und ortskundiger Begleitung die Geschichten der Dahmelandschaft entdecken. Wir schauen ganz genau hin, lauschen auf unserem Rundweg den Waldbewohnern, picknicken unter alten Eichen und treffen auf neugierige Weidebewohner.
Ein Tag draußen. Mit viel Zeit und Liebe zum Detail sind wir unterwegs. Seien Sie gespannt auf die ungeahnte Vielfalt einer sandigen Endmoräne und den naturnahen Lauf der Dahme. Über den Schäfersee erreichen wir einen erholsamen Buchenwald und erspüren die verwunschene Atmosphäre des alten Gutsparks von Oderin.


Leonie Rhode

Natur-, Kultur- & Landschaftsführerin: Leonie Rhode · www.verfuehrungen-dahme-spree.de


Fotos und Zeichnungen: Leonie Rhode

 

KW 34

Hasen-Röhrling und Kornblumen-Röhrling  

In letzter Zeit konnten durch wissenschaftliche Untersuchungen immer mehr Pilzarten den Adelstitel »Mykorrhizapilz« erlangen. Diese  »Adligen« bilden eine Lebensgemeinschaft mit Wurzeln von Pflanzen. Das betrifft auch die Arten Hasen-Röhrling (Gyroporus castaneus) und Kornblumen-Röhrling (Gyroporus cyanescens). In dem naturkundlichen BI-Lexikon von 1988 wurde ihnen die Zugehörigkeit zu den Mykorrhizapilzen noch abgesprochen. Die Bindung zu Bäumen ist nachgewiesen, allerdings fehlt beiden Arten die Spezialisierung auf eine Baumart. Das nennt sich »fakultativ« (lateinisch: wahlfrei).  Auf­­grund der gelblich-ockerfarbenen Sporen gilt für die Arten einen gemeinsamen Übernamen: Blasssporröhrlinge!
Ein äußeres Merkmal ist besonders markant. Es ist die Stielbasis. Sie wirkt dick und im Längsschnitt wie ausgestopft und zellig hohl. Kein anderer einheimischer Röhrling ist so ausgestattet. Während der Hasenröhrling bei Verletzungen keine Veränderung der Fleischfarbe zeigt, weist der Kornblumen-Röhrling eine rasante Blaufärbung vor. Nämlich Kornblumenblau! Die Farbe entsteht durch chemische Reaktionen im verletzten Fleischbereich. Dabei werden quasi die beiden Inhaltsstoffe Gyrocyanin und Chamonix oxydativ angeknabbert.
Von Häufigkeit kann bei beiden Pilzarten nicht die Rede sein. Auf weiten Strecken können sie sogar fehlen. Gyroporus castaneus ist auf der Roten Liste Deutschland als stark gefährdet enthalten. In der Brandenburger Liste gibt es keinen Eintrag. Normalerweise herrscht bei den Arten standörtliche Trennung. Der Kornblumen-Röhrling liebt sandige Kiefernwälder und besiedelt in unserer Region besonders die dafür bekannten Randzonen des Spreewaldes. Der Hasenröhrling weist dagegen eine Vorliebe für den sandig-lehmigen Traubeneichenwald auf, wie er in der Dubrow, in den Radebergen und im Schlaubetal vorkommt. Im Laubwald findet sich mit Gyroporus lacteus eine Kornblumenröhrlings-Sippe ohne Blauverfärbung. Hier kann es dann zusammen mit »Hasi« zu »Brüdertreffen« kommen. Ich sah beide Sippen zusammen im September 2011 in der Dubrow.

Wolfgang Klaeber

Hasen-Röhrling und Kornblumen-Röhrling · Foto: Wolfgang Klaeber

 

KW 33

Die PoSaune im Garten

Eines Tages bemerkte der »Fernsehgärtner« Hellmuth Henneberg, dass sein »Gartenzeit«-Cutter Karsten Noack ein zweites Leben führt: als Posaunist.
Beide begaben sich daraufhin zur »Bierfalle« (»Warum wir Schnecken lieben sollten«), stellten fest, dass zwischen Engelstrompeten und Purpurglöckchen eine der schönsten Blumen bisher unbemerkt geblieben war: Die Posaunenblume (Trombona literae)!
Als Auftaktveranstaltung zu den Tagen der offenen Gärten präsentieren Helmuth Henneberg und Karsten Noak ihr botanisch-musikalisch-literarisches Programm am Freitag, 16. 08., von 19.30 bis 21 Uhr im Biogarten Prieros.

Am Wochenende ist es wieder soweit:
Tage der offenen Gärten.

Info Volkshochschule Dahme-Spreewald
Telefon 03375-262518
www.vhs-dahme-spreewald.de


Glockenspiel der Pfirsichblättrigen Glockenblume · Foto: Wolfgang Klaeber

KW 32  

Kartoffeln

Die Kartoffeln
Uns zum Segen, grün und schön.
Hoher Schmuck der Felder,
Still, bescheiden, anspruchslos,
Nur durch eure Würde groß.
Auch den Thieren, groß und klein,
Seydt ihr süße Speise,
Nähret manches ganz allein
Auf so milde Weise.
Wo ihr blühet, weiß und roth,
Fürchten wir nicht Hungersnoth.
Angebaut ohn’ sauren Schweiß
fast in allen Zonen,
Nährt ihr wohl bei regem Fleiß viele Millionen,
Mannigfaltig an Gestalt,
Arm und reich und jung und alt.
Was vermag nicht noch die Kunst
Kühn aus euch zu machen:
Schminke, Puder, Geist und Dunst,
Wunderschöne Sachen
Manche große Eigenschaft
Ruht in eures Markes Kraft.
O ein Thor! Wer euch verkennt in bescheidner Hülle Und nicht Himmelsgabe nennt Eures Segens Fülle.
Mindert ferner jede Noth,
Schöne Aepfel, Himmelbrodt!

Loblied auf die Kartoffeln von unbekanntem Verfasser, veröffentlicht am 10. November 1827 im »Gubener Wochenblatt«. Vermutet wird der Gubener Stadtrichter Gottlob Metius Buckatzsch (1772–1836), Vorsitzender der Pomologischen Gesellschaft zu Guben und korres­pondierendes Mitglied der Horticultural Society of London. Es zeigt, welche Wertschätzung die Kartoffeln und welchen Umfang der Kartoffelanbau Anfang des 19. Jahrhunderts erlangt hatten. Andererseits enthält es, indem der englische Seefahrer Francis Drake als alleiniger Überbringer der Kartoffel gefeiert wird, auch eine der diversen Kartoffel-Legenden.
Friedrich II. war seit 1740 König in Preußen und ab 1772 König von Preußen. Am 24. Januar 2012 wurde sein 300. Geburtstag gefeiert. Heinz-Dieter Krausch widmet sich in seinem Beitrag auf den Seiten 156–159 der aus Amerika stammenden Kartoffel, deren Einführung in Brandenburg heute oft Friedrich dem Großen zugeschrieben wird.

Heinz-Dieter Krausch

Blüte der Kartoffel – ein Nachtschattengewächs – hier von einer dunklen Sorte
Foto: Hans Sonnenberg

 

KW 31

Die Wassernuss

Meinen ersten Kontakt mit einer Wassernuss (Trapa natans) hatte ich als Junge von ungefähr 10 Jahren Anfang der 1980er Jahre am Badestrand des Teupitzer Sees in Teupitz. Hier wuchs die Wassernuss in kleinen Beständen. Einerseits faszinierten uns Kinder die Früchte mit ihren vier dornenartigen Fortsätzen, andererseits hatten wir auch Angst, beim Baden auf sie drauf zu treten. So wurden immer wieder einige Pflanzen entfernt. Damals wusste ich noch nicht, dass die Wassernuss eine stark gefährdete Pflanzenart war und auf der Roten Liste von 1978 stand.
Die Wassernuss aus der Familie der Wassernuss-Gewächse ist eine interessante einjährige Schwimmblattpflanze, die je nach Wassertiefe einen ein bis zwei Meter langen Stängel ausbildet, der durch die Frucht wie durch einen Anker im schlammigen Boden verankert ist. Sie bildet eine charakteristische Schwimmblattrosette aus 5 bis 30 rautenförmigen, ledrigen, oberseits im Herbst oft roten Blättern aus (Düll & Kutzelnigg 1994). Die Rosetten werden durch aufgeblasene, Schwimmgewebe enthaltende Blatt­­stiele immer an der Oberfläche gehalten. Die Blüten der Wassernuss sind unscheinbar weiß und stehen achselständig auf kurzen Stielen. Sie blühen recht kurz im Juni bis Juli. Bei den Früchten handelt es sich um einsamige, steinfruchtartige Nüsse, die zur Reife von der vergrößerten Blütenachse eingeschlossenen sind. Sie besitzen vier (selten auch nur zwei) mit Widerhaken besetzte dornenartige Fortsätze und werden im September bis Oktober reif. Dann werden sie schwimmend oder an Wasservögeln klettend ausgebreitet und sinken im Winter zum Gewässerboden, wo sie im Frühjahr auskeimen. An der Basis des Keimlings entstehen auch zwei Beiknospen, die sich später ablösen und der vegetativen Vermehrung dienen.
Die Samen haben einen 50–60 Prozent hohen Stärkeanteil und wurden seit der Jungsteinzeit roh oder gekocht gegessen oder zu Brotmehl verarbeitet. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Wassernüsse, die speziell in Teichen angebaut wurden, noch auf Märkten angeboten. Auch konnte aus den gerbstoffhaltigen Früchten zusammen mit eisenhaltigem Wasser Tinte hergestellt werden.
Die Wassernuss bildet Schwimmblattbestände in sommerwarmen, nährstoffreichen, stehenden Gewässern mit humosen Schlammböden aus. Besonders charakteristisch ist sie für
Altarme mittlerer und großer Flüsse. Im Teupitzer See war die Art seit den 1990er Jahren verschwunden. Eine gezielte Nachsuche der Teupitzer Naturschutzgruppe im Juli 1997 bestätigte dies. Um so überraschter und erfreuter war ich, als Jörg Krause von unserer Teu­pitzer Naturschutzgruppe uns im September 2011 einen Bestand der Wassernuss zeigte. Es hatten wohl einzelne Pflanzen im Verborgenen überdauert und sich nun wieder ausgebreitet!
Wo kommt die heute in Brandenburg sogar vom Aussterben bedrohte Art in der Naturparkregion noch vor? Bekannt sind Vorkommen im Mahningsee bei MärkischBuchholz, im Drobsch­see bei Schwenow, im Neuendorfer See sowie an der Spree zwischen Neuendorfer- und Schwielochsee. Ich werde die Wassernuss im Teupitzer See im Auge behalten. Wer weitere Wassernussvorkommen kennt, kann sie gern über die Geschäftsstelle des NABU Dahmeland mitteilen.
Stephan Runge

Foto: Stephan Runge

 

KW 30

Der Erdstern

Unterirdisch ist es noch eine Kugel, ganz nach Muster eines Bovistes. Doch während des Oberflächenkontaktes geschieht ein Wunder! Die äußere Hülle (Exoperidie) reißt an vorgegebenen Stellen ein, breitet sich aus und fertig ist der Stern, ein Erdstern! Im lateinischen Gattungsnamen Geastrum stecken die griechischen Silben »ge« für Erde und »astron« für Stern. Die innere Hülle (Endoperidie) enthält die reifenden Sporen. Eine kleine Öffnung (Peristom) an der Spitze der Endoperidie dient als Schleuse. Wenn harte Wassertropfen auf die dünnwandige Endoperidie fallen, dann lassen sie einen rauchenden »Minivesuv« entstehen und die reifen Sporen treten ihre Reise an. Der Wind entscheidet, wie weit diese geht!
Einen Sonderweg beschreitet der Riesen-Erdstern (Geastrum melanocephalum). Hier reißt der »aufsternende« Pilz die Endoperidie mit und der Sporenstaub präsentiert sich frei auf dem Mittelsäulchen (Columella). Auch hier ist nun wieder der Wind für die Verbreitung gefragt!
In Deutschland siedeln über 20 Geastrum-Arten, die meisten auch in Brandenburg. Einige Standorte, so beispielsweise die Töpchiner Tongruben, beherbergen oft mehrere Arten gleichzeitig, Das führt jedoch zu Problemen mit der Artbestimmung, die meist einen Fachmann erfordert. Zwischen etwaiger »Halskrause«, »Kragen«, flachen oder stelzenförmig sitzenden »Lappen« kann oft nur das Mikroskop unterscheiden. Die Anzahl der Sternlappen ist artspezifisch und sehr vielfältig (zwischen 3 bis 15). Den oberen Bereich besetzt sinnigerweise der Blumen-Erdstern, eine mykologische Aster! Die meisten Arten lieben stickstoffreiche Biotope wie Parks, bewaldete Mülldeponien und  Fliedergebüsche, sind wärmeliebend verbreitet in den Steppenrasen der Oderhänge oder/und typischen Waldarten. Nicht selten ist der Gewimperte Erdstern (Geastrum fimbriatum), sein Standortspass ist der Wald. Er mag es gern stickstoffreich. Große Bestände finden sich am Flankengrund der Paddenpfuhl-Deponie bei Groß Köris.
Wolfgang Klaeber


Riesen-Erdstern und Gewimperter Erdstern · Fotos: Wolfgang Klaeber

 

KW 28  

Eine Wanderung um den Streitberg

Nahe dem idyllischen Rundplatzdorf Streganz liegt der Streitberg, in dessen Umgebung es einige naturräumliche und kulturelle Sehenswürdigkeiten zu entdecken gibt. Die große ca. 250 Jahre alte Eiche in der Dorfaue vermittelt einen ersten Eindruck von der Geschichte des Dorfes. Auf der Streganzer Dorfstraße nach Westen hin kommt man nach einer Weile durch Gras-und Ackerlandschaften in den vorwiegend von Kiefern bewachsenen Wald. Die eingeschnittene Rinne zur linken Hand und der leichte Anstieg sind erste Zeugen der Eiszeiten. Vor 300000 bis 10000 Jahren prägten sie durch ihre Eismassen die Landschaft und schufen mit den mitgebrachten Materialien fruchtbare Böden auf der Grundmoräne. Teil dieser Landschaft sind den ganzen Weg über viele größere und kleinere Findlinge, auch Lesesteine genannt, die regelmäßig auf den Feldern »aus dem Boden zu wachsen« scheinen. Nachdem wir nun am westlichen Rand des Streitberges entlang gelaufen sind, folgen wir nach Süden den von Obstbäumen gesäumten Wegen. Diese alten Streuobstbestände stellen einen besonderen Beitrag zur genetischen Vielfalt unserer einheimischen Obstsorten dar. Inmitten von Äckern können wir dann eine Ansammlung von Bäumen erkennen. Dieser Ort ist eine Ruine des ehemaligen Gehöftes Lippe (auch Lippa, Liepa – slawisch für Linde), wo man noch die Grundrisse von verschiedenen Gebäuden erkennen kann. Seine Entstehung wird anhand der alten Bäume auch auf vor ca. 250 Jahren geschätzt. Etwas weiter wieder im Wald zeugt ein Gedenkstein von einer ehemaligen Kohlegrube, aus der zwischen 1847 und 1849 um die 2200 Tonnen Braunkohle gefördert wurden und die wie die Schäferei Lippe zum Rittergut des Dorfes gehörte. Eine nächste Sehenswürdigkeit ist der wohl größte Findling im ganzen Dahmeland, der Wetekampstein. Ursprünglich aus Mittelschweden mit den Eismassen zu uns gelangt, liegt er heute auf einer breiten Schneise und ist Heimat für viele Moos- und Flechtenarten. Zurück Richtung Nor­den gelangen wir nach einer Weile auf eine große Schmelzwassersandfläche, die uns mit dort zu findenden Feuersteinen wieder an die Prägung durch die Eiszeiten erinnert. Schließ­lich gelangt man auf den 84,2 Meter ho­hen Streitberg, der auch von einem großen Findling gekrönt ist. Jetzt auf der östlichen Seite des Berges laufen wir durch einen tiefen Graben, als ehemalige Ero­sionsrinne durch menschliche Abtragung und Erosion verbreitert und vertieft, und kommen zum Linowsee. Der Flachwassersee ist Teil des NSG Linowsee-Dutzendsee und bietet unter anderem Graureihern, einer Schwanenfamilie, dem Fischotter und seltenen Wasserpflanzen wie dem Großen Nixenkraut, Gewöhnlichem Wasserschlauch und dem Froschbiss einen Lebensraum. Auch auf dem Weg zurück zur Dorfaue kann man in den Feuchtgrünländern und im Erlen-Bruchwald seltene Pflanzenarten entdecken.
Clara Wiegand


Streitberg; Dorfaue mit Eiche; Streganzer Feldflur
Liepa-Panorama; Gedenkstein Kohlegruben; Sander; Clara am Wetekampstein; Liepa · Fotos: Clara Wiegand

 

KW 27  

Alle Sinne beieinander haben – Barfüßig ins Gleichgewicht  

Unser größtes Sinnesorgan ist die Haut – »Fühlfutter« geben wir ihr aber im Alltag wenig. Das Schwimmen und die liebevolle Berührung in der Zweisamkeit der Nacht sind ja nicht immer und unbedingt Alltag im Leben einer Haut.
Lässt man Kinder unser Tastorgan beschreiben, geht es meistens nur um die Hände. Dass eigentlich unsere ganze Haut tasten kann und wir uns darüber selbst wahrnehmen können, scheint irgendwie in Vergessenheit zu geraten.
Fangen wir fürs Erste mit den Füßen an. Die treffen unsere zivilisierten Gewohnheiten besonders hart, da sie meist in Schuhe eingesperrt sind.
In Kindheitserinnerungen Älterer taucht immer wieder das Barfußlaufen auf. Die Augen leuchten, wenn sie erzählen, wie sie barfuß über die Wiesen gerannt und über Moospolster gelaufen sind oder in eiskalten Bächen gespielt haben. Ganz offenbar waren das intensive Erlebnisse, die in ihrer Erfahrungswelt fest verankert sind.
Sinnespfade sollen nun den Verlust sinnlicher Erfahrung kompensieren, der auch vor Kindheit heute nicht Halt macht. Und für alte Menschen, die nicht mehr selbst mobil sind, gibt es solcherart Sinnesanregung kaum – wieso eigentlich nicht?
Eigentlich brauchten wir Spaziergänger hier in unserer Landschaft ja solche Pfade gar nicht. Gehen Sie doch mal barfuß über den Boden eines Kiefernwaldes. Ganz langsam die Füße setzen, das Körpergewicht langsam darauf verlagern und langsam gehen. Ertasten ohne hinzuschauen, was unter die Füße kommt: Gras? Nadeln? Zapfen? Moos? Aststücke? Ein Kurzausflug mal anders – für die Füße und Ihr Gleichgewicht.

Ghislana Poppelbaum

 

 

KW 26

Der Papageien-Saftling

Der Artenname des Papageien-Saftlings (Hygrocybe psittacina) ist Programm für eine Pilzgattung, die der Farbpalette eines Malers entsprungen sein könnte. Außer Blau ist jede Farbe in vielen Tönen vertreten. Die Nicht-Farben Schwarz, Grau und Weiß runden das Bild ab. Am häufigsten erscheinen Tönungen von Gelb bis Rot. Diese Schmuckstücke der heimischen Pilzwelt besiedeln vornehmlich nährstoffarme, zum Teil basenreiche Wiesen, Weiden, Moore und Trockenrasen mit extensiver Nutzung als Streuobstwiese, Schafweide oder bei einschüriger Mahd. Saftlingswiesen lautet der komplexe Name dieser Biotope. Saftlinge sind echte Qualitätszeiger für Standorte mit reicher Naturausstattung! Aber auch die Pilze haben es hinsichtlich Vielfalt in sich: Die prächtige Farbgebung basiert auf Pigmentfarben, in Szene gesetzt durch Betalamine und Hygro-Aurine. Die Farben erscheinen jedoch nicht konstant, sondern sind oft an bestimmte Entwicklungsstadien der Fruchtkörper gebunden. So ist der Myko-Papagei oftmals nur in der Jugend grün. Das erschwert eine Bestimmung vor Ort. Essbar oder nicht, kann hier nicht die Frage sein. Hygrophorus-Arten sind meist ausgezeichnete Gemüse- und Suppenpilze. Alle Arten stehen unter Naturschutz. Ihr größter Feind sind der Düngerstreuer oder das eiserne Gül­leschwein. Gülleeinsatz kann bereits nach ein­maliger Anwendung zur saftlingsfreien Wüste führen. Gülle zerstört das Pilzmyzel total. Mäßiger Mineraldüngereinsatz führt zu einer Egerlingswiese (brauner Champignon) mit maximal zwei Saftlingsarten.
Die Artenvielfalt der Saftlinge ist in Brandenburg recht groß, etwa 30 Sippen sind bekannt. Die meisten schmücken die Trockenrasen der Oderhänge zwischen Gartz und Lebus. Häufigste Art ist der Kegelige Saftling (Hygrocybe conica). Im Dahmeland kommt er in der Pätzer Kiesgrube und auf den Orchideenwiesen am Pätzer Hintersee vor. Auf dem Moor am Pätzer Hintersee siedelt eine andere Art, jedoch ist die Bestimmung schwierig!
Wolfgang Klaeber


Papageien-Saftling · Foto: Wolfgang Klaeber

 

KW 25  

Kraftplatz

Nun steh’ ich hier zwischen Baum und Borke,
zwischen Springsee und Glubigsee,
zwischen Moor und Wald,
ein verwunschenes Plätzchen umsäumt von Birken.

Mücken umschwirrt stehe ich neben der Ameisenstadt,
dringe in Welten, die mich nichts angehen.
Darf ich Gast sein?
Der sumpfige Boden sagt: »Halt dich fern, ich könnte dich sonst verschlingen.«
Weiße pelzige Glockenblumen locken mich heran – mooriges Wollgras.

Was trieb mich hierher? Die Unruhe, die Entdeckerwut, doch die Natur
will meine Hektik nicht, sie hat ihre eigene Zeit. Der Boden erinnert
sich an große Meere, eisige Gletscher. Die Natur lässt meinen Blick
zeitlos in die Schönheit blicken – gestern, heute, morgen.
Kirsten Heidler (15. Mai 2011)


Am Springsee · Fotos: Kirsten Janke

 

KW 24

Der Wendehals

Der Wendehals ist ein wenig größer als ein Sperling und durch sein rindenfarbenes Tarnkleid wenig auffällig. Seine nächsten Verwandten sind die Spechte, mit denen er einige Merkmale teilt. So sind auch bei ihm zwei Zehen nach vorn und zwei nach hinten gerichtet und die Eier legt er in Höhlen auf den blanken Boden ohne Nest. Ihm fehlt aber der Meißelschnabel, auch klettert er nicht an Baumstämmen. Auffällig sind in der Balzzeit seine unermüdlichen »wied wied« Ruf­reihen.
Bei der Verteidigung seiner Bruthöhle wendet und dreht er seinen vorgestreckten Hals hin und her und zischt dabei, vermutlich eine Schlange vortäuschend, daher der Name Wendehals.
Er bewohnt offene, reich strukturierte Landschaften mit alten Bäumen, wo es vegetationsarme, besonnte Flächen gibt mit zahlreichen Wiesen- und Wegameisen, die seine Hauptnahrung bilden.
Schon seit Jahrzehnten wird der Wendehals immer seltener und in den letzten 10 Jahren gingen seine Bestände noch einmal um 70 Prozent zurück. Er steht auf der Roten Liste als stark gefährdet.
Früher brütete er in Obstgärten, Parkanlagen und lichten Laub- und Nadelwäldern. Durch Anwendung von Pestiziden, Anlage von Obstplantagen, artenarmen Rasenflächen und Forstmonokulturen gibt es für ihn zu wenig Insektennahrung. 
Heute bleiben ihm, wie auch anderen Arten, letzte Refugien auf ehemaligen Truppenübungsplätzen und Rieselfeldern. Beides Lebensräume, die bisher vor intensiver Nutzung verschont wurden, wo es deshalb noch ein reiches Insektenleben gibt.
Außerdem ist der Wendehals als Langstre­ckenzieher auf seiner Wanderung in die Savannen von Zentral- und Westafrika mehr Gefahren ausgesetzt als früher.
Die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft vermindert auch hier das Nahrungsangebot und im Mittelmeergebiet ist er immer noch starker Verfolgung ausgesetzt.
Gisela Deckert

Foto: Wolfgang Klaeber

 

KW 23

Alle Sinne beieinander haben – Durch die Hände gehen lassen

Die Gartenvagabunden blühen und verblühen, jeden Tag neue Blüten und ins Gras gestreute alte Blütenblätter: Akeleien, wilde Rosen, Waldgeißblatt, Schöllkraut, Giersch…
Für manchen Gärtner beginnt jetzt das »Ausputzen«. Seit wann in der Gartenkultur ist das so, dass vergehende Pflanzenteile als hässlich empfunden und unkontrolliert aussamende Fruchtstände als Bedrohung für die Gartenplanung rigoros abgeschnitten werden?
»Vergängliche« Schönheit zu berühren, aufzulesen, aufzuheben und zeitweilig in anderer Schönheit noch einmal erstrahlen zu lassen, vermag uns dem unendlichen Kreislauf von Werden und Vergehen näher zu bringen, ihn zu begreifen und ihn anzunehmen. Ein Kreislauf voller innerer Schönheit, der über unsere Hände Ausdruck findet.
Von den weichen, leichten, fragilen Blütenblättern mit behutsamen Fingerspitzen eine Weile lang jeden Frühlingsmorgen eine Handvoll zu sammeln, ist (wie) eine Meditation. Man ist so nah dran an den Pflanzen, die ohne Widerstreben ihre Blütenblätter fallen lassen, wenn ihre Zeit gekommen ist, die sich recken, neigen oder anlehnen, jede anders.
Das sind Minuten, in denen man auch ganz bei sich ist, aufgehoben im Sein, im Tun. Man berührt und wird berührt. Auch später dann noch, wenn die Akelei längst mit braunen Samenständen steht, ist die Erinnerung an die Frühlingsberührung lebendig. Und die Vorfreude auf blühende Akeleikinder in ein paar Jahren, in welcher Ecke des Gartens auch immer, wärmt.
Die Erinnerung ist auch noch wach, wenn die im alten Telefonbuch gepressten Blüten auf den Werktisch kommen, auf schönes, ausgesuchtes Papier, wenn die Blüten wieder durch die Hände gehen – sich zu Kreisen fügen und berühren.
Ghislana Poppelbaum

Foto: Ghislana Poppelbaum

 

KW 22

Der Pfifferling

»Das ist keinen Pfifferling wert.« Dieser kernige Spruch war noch bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Begriff. Warum eigentlich heute nicht mehr?
Der Pfifferling (Cantharellus cibarius), unser beliebtester Speisepilz, ist eigentlich kalorienmäßig fast wertlos und besteht überwiegend aus Ballaststoffen. Die körperlich schwer arbeitende Bevölkerung früherer Jahrhunderte war aber auf gehaltvolle Nahrung angewiesen, was infolge des niedrigen Lebensstandards dieser Menschen oft nur ungenügend zu verwirklichen war. Da bot auch der Pfifferling keine energetische Alternative. Zusätzlich nagte das Etikett »Massenpilz« an seinem Image. Die heutige Überernährung, der Trend zu darmgesunden Ballaststoffen und der Bestandsrückgang des Pfifferlings brachten eine 180-Grad-Wende in seiner Wertschätzung. Aber Achtung: Reine, ungenügend zerkleinerte Gerichte aus Pfifferlingen können Darmverschluss auslösen!
Schuld am Bestandsrückgang sind nicht Pilzsammler, sondern Nährstoffanreicherungen in den Wäldern, unter anderem durch Vergrasung. Abgase wie Schwefeldioxyid schädigen das Myzel und Ozon behindert die Sporenpräsentation. Während in stark vergrasten Kiefernwäldern vom Pfifferling kaum Fruchtkörper gebildet werden, gibt es in gras- und kräuterreichen Bir­ken-, Eichen- und Eichen-Hainbuchenwäldern gute Erntechancen. So wurden zum Beispiel in der Märkischen Schweiz von mir reichlich Pfifferlinge im Traubeneichen-Hainbuchenwald zwischen Waldzwenke, Leberblümchen und Lungenkraut gefunden!
Im Schubfach der Cantharellen befinden sich noch weitere Arten. Regionale Bedeutung zeichnet den Trompeten-Pfifferling (Cantharellus tubaeformis) aus. Seine braune Hutfarbe versteckt ihn gut im braunen Herbstlaub vor Sammlerhänden. Laubwälder in der Dubrow, im Schlaubetal und im Unterspreewald bieten ihm gute Biotope. Als selten und kalkliebend gilt der Graue Leistling (Cantharellus cinereus), der zum Beispiel im NSG »Fauler Ort«/Uckermark vorkommt. Weitere Arten sind nur aus Mittel- und Süddeutschland bekannt.
Apropos Leistling: der lateinische Name Cantharellus weist auf die Leisten hin, die im Gegensatz zu Lamellen nicht scharfrandig sind, sondern eher an Adern oder Falten erinnern.
Wolfgang Klaeber

Pfifferlinge und Trompetenpfifferlinge · Fotos: Wolfgang Klaeber

 

KW 20

Auf der Suche nach einem runden Schneeball

Als Kind hat mir mein Vater einmal einen blühenden Strauch gezeigt. Seine Blütenstände ähnelten ein wenig dem des Holunders. Überrascht war ich, dass dieser Strauch »Schneeball« heißen sollte. Die Blüten leuchteten zwar weiß wie Schnee, aber der Blütenstand war eher flach und doldig, also alles andere als ein Ball.
Es handelte sich um den Gewöhnlichen Schneeball (Viburnum opulus), der auf nährstoffreichen, frischen bis feuchten Böden bei uns in Gebüschen, Laub- und Auenwäldern, an Ufern von Bächen, Flüssen und Seen sowie an Waldrändern anzutreffen ist. Die Art ist in ganz Europa, West- und Nordasien verbreitet und von der Ebene bis in die Alpen in Höhenlagen von tausend Meter zu finden. Der kleine Strauch kann im Alter bis zu 4 Meter Höhe erreichen.
Der gewöhnliche Schneeball  blüht im Mai bis Juni. Die weißen bis rötlich-weißen, fünfzähligen Blüten stehen in endständigen, lockeren Trugdolden. Diese Trugdolden tragen einen Ring aus großen Randblüten, die steril sind und als Schauapparat zum Anlocken von Insekten dienen. Nur die unscheinbaren deutlich kleineren und glockigen inneren Blüten sind fruchtbar.
Die Blätter des Schneeballs sind 3- bis 5-lappig, grob gezähnt, etwa 8–12 Zentimeter lang, unterseits meist behaart, gegenständig und ca. 2–3 Zentimeter lang gestielt. Sie haben im Herbst eine sehr schöne Rotfärbung. Da die Blätter Ähnlichkeit mit denen des Feldahorns haben, wurde dem Strauch der Name opulus gegeben – wie der Feldahorn bei den Römern genannt wurde.
Die scharlachroten kugelförmigen, glänzend roten, etwa einen Zentimeter großen, beerenartigen Früchte sind giftig und werden selbst von den Vögeln nur bei größtem Hunger gefressen – man kann sie daher auch bis in den Winter hinein noch lange an den Zweigen finden. Im Inneren enthalten sie einen herzförmigen Samen. Auch Rinde und Blätter des Strauchs sind für den Menschen giftig. Die Früchte reifen von August bis November.
In osteuropäischen Ländern werden die Beeren in heißem Wasser zerdrückt und mit Honig gesüßt getrunken, eine Anwendung gegen Erkältung. Die Beeren werden üblicherweise nach dem ersten Frost geerntet und gelten erst dann als reif – vermutlich werden durch das Gefrieren Giftstoffe abgebaut. Außerdem kristallisiert bei Frost Fruchtzucker aus, der den ansonsten stark säuerlich-bitteren Geschmack überdeckt.
Jahre hat es gedauert, bis ich tatsächlich einen runden Schneeball fand – vor allem in älteren Gärten entdeckt man nämlich manchmal eine veredelte Form des Schneeballs (Viburnum opulus »Roseum«). Diese sterile, gefüllte Schneeball-Form entstand um 1594, wird also seit gut 400 Jahren kultiviert. Die Bezeichnung »Schneeball« dürfte daher vermutlich bei uns erst seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlich sein. Die Blüten bilden »echte« rundliche Schneebälle mit bis zu 8 Zentimeter Durchmesser. Sie sind rein weiß und im Verblühen etwas rosa. Diese Schneebälle bestehen allerdings ausschließlich aus sterilen Blüten; die Vermehrung kann daher nur durch Stecklinge erfolgen.
Besonders schöne, ausladende Exemplare dieses »echten« Schneeball-Strauchs findet man im Naturpark Dahme-Heideseen in den Gärten von Oderin. Dort kann man also auch mitten im Sommer einen Schneeball in die Hand nehmen – und er schmilzt nicht einmal!

Spaß an Botanik?
Sie wollen mehr über die Pflanzenwelt in Brandenburg und Berlin erfahren – oder Sie haben Lust, gemeinsam mit anderen Menschen draußen in der Natur Pflanzen zu entdecken? Dann sind Sie bei uns genau richtig!
Der Botanische Verein von Berlin und Brandenburg ist 1859 in Eberswalde als Botanischer Verein für die Provinz Brandenburg und die angrenzenden Länder gegründet worden. Er gehört daher zu den ältesten naturwissenschaftlichen Vereinen in Deutschland. Unser Verein möchte alle ansprechen, die sich mit der Pflanzenwelt beschäftigen, sie eingehender kennenlernen oder zu ihrem Schutz beitragen wollen. Sowohl interessierte Laien oder Anfänger, die erste Artenkenntnisse erwerben möchten, als auch Botaniker mit wissenschaftlichem Anspruch sind bei uns herzlich willkommen. Spezielle Arbeitsgruppen und Projekte erforschen und vertiefen die Kenntnisse zu bestimmten Organismengruppen (wie Pilze, Moose oder Flechten) oder führen Pflegeeinsätze für bedrohte Arten durch.
Unser Logo stellt die Blüte der Wiesen-Küchenschelle (Pulsatilla pratensis) dar. Die Pflanze wurde nicht nur als attraktiver Blickfang ausgewählt: wir wollen auch auf ihre Gefährdung aufmerksam machen – denn sie ist in Berlin und Brandenburg vom Aussterben bedroht.
Informieren Sie sich über aktuelle Vortrags- und Exkursionsangebote auf unserer Internetseite:
www.botanischer-verein-brandenburg.de
Geschäftsstelle des Botanischen Vereins
von Berlin und Brandenburg
Königin-Luise-Straße 6–8 · 14195 Berlin
info@botanischer-verein-brandenburg.de
Maria-Sofie Rohner


Echter Schneeball »Roseum« im Mai 2012 in einem Garten in Oderin · Foto: Hans Sonnenberg
Wildform des Schneeballs »Viburnum opulus« im Mai 2012 · Foto: Maria-Sofie Rohner
Früchte des Schneeballs · Foto: Hans Sonnenberg

KW 19

Geschichte erleben

Das Freilichtmuseum Germanische Siedlung Klein Köris liegt nicht erst seit heute am Rand von Kornfeldern. Aus archäologischen Funden wissen wir, dass bereits unsere Vorfahren hier Ackerbau betrieben. Angebaut wurden damals Weizenarten, Gerste, Rispenhirse, Roggen, Erbsen und Bohnen. Blüten des wilden Sand-Mohns tupften bereits damals die Felder rot.
Wer Geschichte und Natur an einem einzigen Tag erleben möchte, ist gut beraten, den Ausflug in den Naturpark Dahme-Heideseen mit einem Besuch des Freilichtmuseums Germanische Siedlung Klein Köris zu kombinieren. Es liegt unmittelbar östlich von Klein Köris und stellt etwa die Zeit um 300 nach Christus dar, als hier Germanen lebten. Es veranschaulicht die bei archäologischen Ausgrabungen gewonnenen Erkenntnisse über die Lebensweise der Bewohner des ehemaligen Dorfes, die Art der Häuser, Handwerkstechniken, aber auch über die Nahrungsgewinnung durch den Anbau von Nutzpflanzen, durch Viehhaltung und Sammeln. Neben dem Tag des offenen Denkmals erwarten Besucher besonders beim Museumsfest am
Internationalen Museumstag vielerlei Angebote.
Sven Gustavs


Öffnungszeiten:
März bis Oktober jeden ersten Sonntag im Monat von 10.00 bis 16.30 Uhr sowie an den Oster- und Pfingsfeiertagen.
Besondere Veranstaltungen anlässlich des Inter­nationalen Museumstags am 12. Mai und am Tag des offenen Denkmals am 8. September.
Besichtigungen außerhalb der
Öffnungszeiten bitte erfragen bei
Ilona Gast, Tel. 01522-7959344

Kontakt: Sven Gustavs, Tel. 0331-2801879,
Michael Böhm, Tel. 0171-7492367
www.germanische-siedlung-klein-koeris.de
www.museumstag.de

Sandmohn · Foto: Wolfgang Klaeber
Freilichtmuseum Germanische Siedlung Klein Köris · Foto: Verein Germanische Siedlung

 

KW 18

Der Rauchgraue Schwefelkopf

Während in Notzeiten, wie in Folge der beiden Weltkriege, selbst Pilzarten in den Korb wanderten, die man nur mit »Ach und Krach« genießen konnte – darum die hohe Vergiftungsrate zur damaligen Zeit – mutiert das Pilzesammeln heute zum sportlichen Vergnügen.
Meist sind hier nur die »Edelpilze« im Blick und es geht somit auf die selektive Messerpirsch. Die Ziele heißen Pfifferling, Steinpilz und Co. Im unteren Bereich der Sammelskala stehen die Holzpilze. Der an Nadelholzstümpfen siedelnde Rauchgraue Schwefelkopf (Hypholoma capnoides) steht daher weitab vom kulinarischen Siegerpodest. Zu Unrecht! Denn diese Art kann punkten mit kräftigem Pilzgeschmack und üppi­gen Büschelernten. Leider gibt es unerwünschte Mitbewerber für unseren Erntekorb: den sehr bitteren Grünblättrigen Schwefelkopf  und den schwach bitterem Ziegelroten Schwefelkopf. Zur Sicherheit könnte (sollte) man ein kleines Hutstück kurz anlecken und kosten.  Doch schon mit dem Doppelgänger des Stockschwämmchens, dem Nadelholzhäubling (Galerina marginata) ist man wieder im Giftbereich gelandet. Wer sich also unsicher ist: Lieber Vorsicht mit Verkos­tungen!
Selbst ein Farbtest ist ungenau. Der Rauchgraue Schwefelkopf ist ziemlich vielfarbig und bietet somit zu viele Überschneidungen zu ziegelroten und grünblättrigen Artgenossen. Ähnlich sieht es mit dem Substrat aus: Der Rauchgraue Schwefelkopf besiedelt zu 95 Prozent Nadelholz, der Ziegelrote Schwefelkopf zu 95 Pro­- zent Laubholz und der Grünblättrige Schwefelkopf fühlt sich auf Laub- und Nadelholz gleichermaßen wohl. Da bleibt zu viel Spielraum, um Unterschiede mit einem Trivialwissen fest zu machen!
Pilze auf Holzstümpfen stehen vor der Aufgabe, den Baumtorso in Humus zu wandeln. Theoretisch könnte der Rauchgraue Schwefelkopf auch auf Holzscheiben gezüchtet werden. Das Know-how dazu gäbe es!
Wolfgang Klaeber

Rauchgrauer Schwefelkopf · Foto: Kamilla Sonnenberg

 

KW 17

Einladung zum Verweilen

Der Radrundweg um die Groß Schauener Seenkette führt zu und durch Schwerin. Unumstrittener Mittelpunkt des kleinen Ortes ist die auf dem Dorfanger stehende Stieleiche. Der als Naturdenkmal geschützte Baum fällt zu jeder Jahreszeit ins Auge, im Frühjahr mit zartem, im Sommer mit sattem Grün, im Herbst mit leuchtenden Gelb- und Brauntönen, im Winter mit knorrigem Astwerk. Dass der Baum mit einer Rundbank umstanden ist, fällt erst beim zweiten Blick auf. Dass die Bank in den letzten Jahren zu eng für den Baumstamm wurde, bemerkte Herr Stolz von der freiwilligen Feuerwehr in Schwerin. Er restaurierte das gute Stück. Nun lädt sie ein: Zum Verweilen unter einer alten Eiche.

Schwerin, ein Rundlingsdorf südwestlich von Storkow, ist seit 1321 urkundlich erwähnt. In der fast 700-jährigen Ortsgeschichte tauchen Schafs-Hirten, Bauern und Kossäten (landlose Bauern) sowie Fischer und Müller der Wassermühle auf. Der Orstname Schwerin ist wahrscheinlich slawischen Ursprungs und bezieht sich auf die Lage am Wasser, ebenso wie beim Schwerin bei Teupitz und der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Die Stiel­eiche auf dem Dorfanger ist seit der Wendezeit als Naturdenkmal geschützt.   
Hans Sonnenberg


Stieleiche (Quercus robur) auf dem Dorfanger Schwerin (LOS) ·

Fotos: Hans Sonnenberg und Wolfgang Klaeber

 

KW 15  

Der kleine Unterschied: Bärlauch und Wunder-Lauch

Während der Winter und der Frühling im März ihre letzten »Existenzkämpfe« führen, wird mancherorts der Boden im Laubwald still mit erstem Grün überzogen. Im Naturschutzgebiet Tiergarten zwischen Senzig und Königs Wusterhausen bildet sich zu dieser Zeit ein rasenartiger hellgrüner Teppich aus, der den Geruch von Zwiebel, Schnittlauch oder Knoblauch verströmt. Die meisten Menschen denken dann: jetzt ist er wieder da, der Bärlauch! Manchmal habe ich schon Leute mit Körben beobachtet, die sich an die Ernte der frischen Blätter machen oder sogar Wurzelballen ausgraben. Was es hier zu holen gibt, ist aber kein Bärlauch, sondern der nah verwandte Wunder-Lauch.
Weil mir der Irrtum der Falschansprache immer wieder begegnet, möchte ich mit Ihnen, verehrte Leser, einmal auf den kleinen Unterschied zwischen beiden Arten schauen.
Beide Pflanzen gehören zur Gattung Allium, also Lauchgewächse und beide können massenartig auftreten, beide sind essbar und ein beliebtes Frühjahrs-Küchenkraut.
Wunder-Lauch ist ein Neubürger, also ein Einwanderer aus dem Kaukasus, Zentral-Asien und dem Nord-Iran. Durch die Brutzwiebeln kann er sich invasionsartig ausbreiten und so auch schnell zur Plage werden. Vor allem verdrängt er dann die einheimischen Frühblüher wie das Buschwindröschen.
Bärlauch stammt aus dem Mittelmeerraum. Er ist auch in Deutschland heimisch. Im Dahmeland gibt es aber keine Wildvorkommen. Er liebt feuchte humusreiche Böden, Auenwälder, Halbschatten. Bärlauch steht nicht unter Naturschutz. Er ist in Brandenburg aber so selten, dass er in der Roten Liste der gefährdeten Arten in die Kategorie 1 aufgenommen wurde: vom Aussterben bedroht. Beim Sammeln für den Eigenbedarf sollte nur ein Blatt pro Pflanze genommen werden. Vermarktung und Zwiebelentnahme von Wildvorkommen sind untersagt!
Zwei bis drei Monate nach dem Austrieb vergilben die Blätter der Laucharten durch den Temperaturanstieg der Bodenschicht und schon zum Sommerbeginn ist von ihnen nichts mehr zu sehen. Die Zwiebeln in der Erde haben dann genügend Nährstoffe für das nächste Frühjahr gesammelt. Bärlauch und Wunder-Lauch verbreiten sich durch die Zwiebeln. Beim Wunder-Lauch sorgen die Brutzwiebeln außerdem für reichlich Nachkommen. Der Bärlauch hingegen bildet große Samenbestände aus. Der Samen muss Frost bekommen, bevor er keimt. Die Keim­dauer beträgt zwei Jahre.
Für beide Allium-Arten gilt: Achtung beim Sammeln! In unmittelbarer Nähe habe ich Maiglöckchen, Salomonsiegel und Schattenblümchen gesehen. Sie gehören alle zu den Maiglöckchen-Gewächsen und enthalten Giftstoffe. Der Knoblauchduft der Allium-Arten ist eindeutig, doch kommt es immer wieder zu Vergiftungen durch Verwechslung und Unachtsamkeit. Wer sich also nicht sicher ist, ob er eine Lauchart oder ein Maiglöckchengewächs vor sich hat, sollte auf das Sammeln verzichten.
Sabine Schmidt

 


ganz oben und oben: Wunderlauch mit Knospen und Blüte mit Brutzwiebeln · Fotos: Sabine Schmidt

    
Bärlauch mit Knospen und Blüten · Fotos: Ines Heyer und Hans Sonnenberg

 

KW 14

Der Frühlings-Gift-Rötling

Es gibt Pilzarten, denen traut man nach kurzem Augenkontakt nicht über den Kochtopf-Weg. Verdachtsmomente sind z.B. rote Porenfarbe, ferner Blaufärbung bei Verletzung, wohlgemerkt beim Pilz, nicht beim Menschen! Oder, wie beim Frühlings-Gift-Rötling (Entoloma vernum) der Anblick einer düsteren Färbung. Und richtig, hier liegen Gefühl und Tatsache auf einer Ebene. Der Artname liefert die Bestätigung. Die Vergiftungserscheinungen wirken choleraartig über den Magen-Darm-Trakt. Zur Giftzusammensetzung ist wenig bekannt. Wahrscheinlich ist die Wirkung, wie so oft, über Selbstversuche von Mykologen = Pilzkundlern her­beigeführt und dokumentiert worden. Obwohl der giftige Rötling nicht so selten auf Triften und in grasigen Wäldern vorkommt, sind kaum Vergiftungen bei der nicht mykologisch affinen Bevölkerung bekannt geworden. Das ist auch kein Wunder: siehe oben! Darüber hinaus verhindern schmächtiger Wuchs und Brüchigkeit jegliche Ernte­absichten. Ich fotografierte diesen Pilz am 31.03.1981 im Gamengrund bei Eichenbrandt im Barnim.
Die Art benötigt Tages-Durchschnittstempera­turen von mindestens 10 Grad. Das wiederum sind Bedingun­gen, bei denen Pilzesammler eher selten unterwegs sind. Was die Vergiftung betrifft, gilt der Riesen-Rötling als Flagg­schiff unter den giftigen Rötlingen. Ein kräftiger, appetitlich aussehender Pilz. Laubwälder über schweren Lehm- oder Kalkböden sind sein Vorzugsbiotop. Diese sind in der Dahme-Spree-Region Mangelware und deshalb kann für unsere Gegend Entwarnung gegeben werden. Im gerne zitierten Handbuch für Pilzfreunde von Michael, Henning und Kreisel heißt es: »… verursachte 1969 in der DDR 115 Vergiftungsfälle«. Das dürfte die Südbezirke des damaligen Staates betroffen haben.
Insgesamt kennt man in Deutschland etwa 150 Rötlingsarten. Einige sind giftig, wenige essbar, die meisten ungenießbar und diverse Arten in dieser Hinsicht noch nicht untersucht. Sie alle streuen bei Reife rosafarbenen Sporenstaub aus. Auch der Hutregion mangelt es nicht an diesen Farbtönen. Sollten sie daher nicht vielmehr »Rosalinge« heißen? Zum Schluss noch eine Anmerkung aus dem Blick der Mikroskopie: Die Sporen sind eckig, das ist einmalig in der heimischen Pilzflora.
Wolfgang Klaeber


Frühlings-Gift-Rötling · Foto: Wolfgang Klaeber

 

KW 13

Alle Sinne beieinander haben – Dem Frühling lauschen

Die Erde zwitschert… 24 Stunden lang wandert mit dem Sonnenaufgang ein Zwitschern um die Erde. Man stelle sich vor: Bewohner fremder Sterne fliegen an dem blauen Planeten vorbei und folgen diesem sonnigen Zwitschern. Dieses herrliche Bild fand ein Seminarteilnehmer, als uns die Dozentin rausschickte den Tagesanbruch wahrzunehmen, Mitte April. Da reicht es noch, wenn man um 5 Uhr aufsteht, sich warm anzieht und noch in der Dunkelheit an seinen Platz wandert und sich still hinsetzt, im Wald, am See, im Garten, und wartet.
Warten? Haben wir dazu eigentlich Zeit in unserer hastigen Zeit? Dabei heißt es doch: Eile mit Weile. Gutes Ding will Weile haben. Und auf die Arbeitswoche folgt doch ein Sonntag, Sonntagsruhe. Eigentlich.
Nehmen wir also einen Sonntag Mitte April. Wer die Faszination eines heranbrechenden Tages erfahren will, muss tatsächlich um 5  Uhr aus dem Haus. Wie aus dem »Nachts sind alle Katzen grau« – Dunkel helleres Grau erscheint und mit wachsendem Licht der Umgebung ihre Farben zurück gegeben werden und sich Morgenrötestreifen über den Himmel dehnen, vielleicht gar Sonnenstrahlen blinzeln – das einmal ganz bewusst wahrzunehmen, ist ein besonderes Erlebnis.
Und im April wird es begleitet durch das Erwachen der Vögel, von den ganz frühen Solisten bis zum schließlich vielstimmigen Chor. Einfach hören, vielleicht in verschiedene Richtungen, mit den Händen als Schalltrichter um die Ohr­muscheln, die Augen auch mal zu. Wenn man da so still sitzt und lauscht, wird man aufgenommen ins Leben um einen herum, die Tiere scheinen zu spüren, dass nichts droht. Sie fahren in ihrem Tagwerk fort, als gehöre der stille Lauscher dazu. Erst wenn man wieder aufsteht, weil der Magen knurrt und das Sonntagsfrühstück lockt, ist es – nur vorübergehend – ruhiger.
Ghislana Poppelbaum


Star der Woche: der Star · Foto: Wolfgang Klaeber

 

 

KW 12

Vogelbeobachtung am Giesendorf-Wulfersdorfer Teich

Wulfersdorf gehört zu meinen Lieblingsecken. Gerne fahre ich hinaus zum Giesendorf-Wulfersdorfer Teich östlich des Großen Kossenblatter Sees. Teichanlagen für die Fischzucht werden angestaut und abgelassen. Sie unterliegen, so auch dieser, einem jahreszeitlichen Wandel. Der Teich ist im Frühjahr und auch im Herbst Rastplatz für tausende Wasservögel.
Um die 1500 durchziehende Grau- und Saatgänse rasten dann hier. Hunderte HöckerSchwäne kommen dazu. Die Schwäne sind meist im Wasser, aber wenn man Glück hat, fliegen Paare auf. Dann ist es zutiefst beeindruckend, den Flügelschlag der großen Tiere über sich zu hören. Der Teich gleicht zu bestimmten Zeiten einem Flughafen mit Departures und Arrivals.
Die Liste der möglichen Arten, die beobachten werden können, ist lang: Silberreiher, vielleicht auch ab und an ein Seidenreiher, Graureiher, Lachmöwen, Kormorane, Stockenten, Blässhühner, Fischadler und Reiherenten. Letztere sind kleine, scheue und schnell fliegende Tauchenten. Hinzu kommen natürlich die Singvögel rund um den See und in den Schilfgebieten. Zudem gibt es im Teich und auch in den vorgelagerten Restteichgebieten Teichfrösche und Rotbauch-Unken. Die Unken sind zahlreich und ihr Rufen ist unüberhörbar laut.
Die Teiche bieten sich an für gemeinsame Vogel- und Naturbeobachtung. Schön wäre auch die Erkundung der umliegenden Gegend. Was wachsen da eigentlich für Pflanzen? Wann ist die beste Zeit für die Vogelbeobachtung? Wie schön wäre es, es gäbe eine Art jahreszeitliche »BioKarte«. Ich stelle mir darunter ein Computerprogramm vor, auf dem die Pflanzen mit Standort und Blühzeiten, sowie die Tiere mit Ankunft, Rufen und Anzahl eingetragen wären. Auf der Grundlage solcher Karten können Veränderungen festgehalten und Exkursionen geplant werden, die den Menschen die Schönheit des Erlebnisbereiches Natur öffnen. Viele naturkundliche »Anfänger« fahren ja zu den falschen Tages- oder Jahreszeiten raus und sehen wenig bis nichts.
Rainer Opolka


Foto: Rainer Opolka

 

 

KW 10

Von Blumen, Ziegen und Wasserbüffeln.Mit dem Rad von Storkow nach Prieros und zurück  

Eine Radrundfahrt durch den Naturpark, die auf 40 Kilometer Reizvolles miteinander verbindet, beginnt im Besucherzentrum des Naturparks auf der Burg Storkow (Mark). Hier kann man sich vorab in der Tourist-Information mit Prospektmaterial versorgen und bei einer Tasse Kaffee oder einem gemütlichen Frühstück im Burgcafé in den Tag starten. Die erste Etappe führt entlang des historischen Marktplatzes in Richtung Bahnhof. Auf den Spuren des Salzweges geht es durch die Luchwiesen nach Philadelphia, einem Ort mit geschichtsträchtiger Namensgebung. Der Weg führt weiter über Klein Schauen bis nach Görsdorf. Empfehlenswert ist hier eine kleine Rast an der schönen Feldstein-Wehrkirche aus dem 13. Jahrhundert.
Entlang der Hauptstraße, parallel zum Wolziger See, führt der Weg nun nach Kolberg. Der Ort am Fuße des »Kolbergs« wurde erstmals 1321 urkundlich erwähnt und zieht mit seiner seen- und waldreichen Lage viele Erholungssuchende an. Nun geht es über den ausgewiesenen Radweg am Gestüt »Dree Böken« vorbei weiter nach Prieros. Dort angekommen, ist die Kirche im Ortskern ein guter Orientierungspunkt. In Prieros lohnt der Besuch des 250 Jahre alten, reetgedeckten Heimathauses, des Naturpark-Infopunkts und des Biogartens. Hier werden vielfältige Lebensräume wie Teich, Tümpel, Moor oder Heide und die typische Pflanzen- und Tierwelt der Region dargestellt. Sollte der Proviant nicht ausreichen, so bieten die Gaststätten des Ortes kulinarische Köstlichkeiten.
Für die zweite Etappe, sozusagen die Rückreise, wird der Weg in Richtung Streganzberg eingeschlagen. Die Strecke führt an Fließen und Seen vorbei oder quert die typischen Kiefernwälder des Naturparks. In Streganz lernt man mit etwas Glück die Ziegen »Herrn Meyer« und »Herrn Münzefering« kennen. Die Tiere vom Landwirtschaftsbetrieb Hannemann sind neugierig und durchaus kontaktfreudig. Weiter geht die Fahrt und nach einigen Kilometern taucht in der Ferne der Kirchturm von Selchow auf. Im Ortskern gelegen, wurde die Kirche 1991 in die Denkmalliste des Kreises aufgenommen. Knapp drei Kilometer weiter heißt der nächste Haltepunkt »Fischerei-Erlebnishof Köllnitz«. Auf dem Gelände an der Groß Schauener Seenkette, die seit 10 Jahren zu Sielmanns Naturlandschaften gehört, befinden sich ein Hotell, eine Fischgaststätte und ein Fischereimuseum. Besuchen Sie hier die neue interaktive Ausstellung »Eintauchen und Abheben« der Heinz Sielmann Stiftung und lernen Sie die Region aus der Sicht von Fischadler Artur und Fischotterdame Ottilie kennen.
Wieder im Sattel führt der letzte Teil der Tour nach Groß Schauen, mit seiner wunderschönen Fachwerkkirche auf dem Dorfanger. Zurück auf den Spuren des Salzweges wartet direkt an der Radstrecke ein Aussichtsturm und gibt eine etwas andere Perspektive auf die Salzwiesen und die Groß Schauener Seen preis. Tierisch wird es dann zum Abschluss auf den Burgwiesen, wo man mit etwas Glück eine Herde Wasserbüffel entdecken kann. Von dort ist es nur noch ein kleines Stück zurück zur Burg, dem Ende der Rundfahrt.
Julia Knipping


Hinweise: Sie können die gesamte Tour auch von Prieros beginnen. Das Ausleihen von E-Bikes ist in Prieros und Storkow möglich.

Burg Storkow im Frühling; Fischerei Köllnitz · Fotos: Jenny Jürgens

 

KW 9

Der Striegelige Schichtpilz

Natur bedeutet Kreislauf. Wirksame wie nützliche Helfer im Detail sind bei den Bäumen die Holzpilze. Das Endprodukt ihres Zersetzungsprozesses heißt Humus und damit Nahrung für den Baumnachwuchs. Aus der Familie der Rindenschichtpilze, auch Lederschwämme genannt, wäre z.B. der Striegelige Schichtpilz (Stereum hirsutum), ein häufiger Besiedler und Weißfäuleerzeuger an frischtoten Stämmen und Ästen, zu nennen. Häufig befallen werden Eichen, Rotbuchen und Birken. Die Fruchtkörper bilden oft schmale Hutkanten aus, die wie Dachziegel übereinander stehen können. Das Heimspiel in Deutsch­land gewinnenn sieben Schichtpilzarten der Gattung Stereum. Die meisten davon bilden pro Jahr einen neuen, stetigen Schichtzuwachs. Die hier abgebildete Art besitzt drei Schichten im Fruchtkörperquerschnitt: eine äußere Rindenschicht, die dicke lederige Mittelschicht und die dünne, sporentragende Hymenophorschicht. Früher entfernten Waldbesitzer und Förster Bäume mit Pilzbefall gnadenlos aus dem Bestand, in der irrigen Meinung, diese würden auch völlig gesunde Bäume anstecken. Heute lässt man ihnen zunehmend ihr »doppeltes« Leben, vor und nach dem Tod! Eine Ausnahme gibt es, an Verkehrswegen greift die Sicherungspflicht.
Kennen Sie die Aktion »Methusalembaum«? Hier erhielten nach einem besonderen Auswahlverfahren und dabei weit verteilt, einzelne Bäume eine Nummernplakette mit dem Inhaltstitel Methusalembaum-Projekt. Für diese Auserwählten gilt ein genereller Absägestopp, auch im Totholz­sta­dium.
Die kostenlose Weißfäuletätigkeit vieler Pilze brachte 1960 den DDR-Wissenschaftler Walter Luthard auf die glorreiche Idee, mit einem durch Fermente gesteuerten Weißfäuleverfahren Bleistiftholz (wir nennen es mal »Mykoholz«) zu erzeugen. Da Weißfäule die Dichte des Holzes stetig herabsetzt, war anschließend eine leichtere Imprägnierung möglich. So konnten teure Holzimporte eingespart werden. Heute werden Bleistifte wie eh und je aus Zedernholz in Billiglohnländern hergestellt.
Wolfgang Klaeber


Der Striegelige Schichtpilz · Foto: Wolfgang Klaeber

 

KW 8

Historisch-Technisches Museum der Versuchsstelle Kummersdorf

Fünf Kilometer südlich von Sperenberg liegt die einstige Heeresversuchsstelle Kummersdorf. Sie war kein normaler Übungsplatz, sondern ein Tech­nologiezentrum und ist wahrscheinlich die vielfältigste Militärtechnikerprobungsstelle der Welt. Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege hat deshalb einen Großteil des Areals als größtes technisches Denkmal Brandenburgs mit 2100 Hektar unter Schutz gestellt. Gutachten belegen, das dass Areal das Potenzial einer Welterbestätte nach den Richtlinien der UNESCO besitzt. Die mehr als 100 Jahre andauernde militärische Nutzung, die als Entwicklungs- und Erprobungsstätte für Militärtechnik begann und als sowjetischer Militärflugplatz im Jahr 1994 endete, bewirkte, dass sich hier auch eine sehr wertvolle und abwechslungsreiche Natur erhalten und entwickeln konnte. Bereits heute stehen große Teile der Kummersdorfer Heide und des Breiten Steinbusches unter Naturschutz, der Teufelssee und der Schulzensee mit ihren typischen Moorpflanzen gehören zu den ältesten Naturschutzgebieten Brandenburgs. Auf den trockenen und sandigen Flächen haben sich Heiden entwickelt. Der geschützte Ziegenmelker und die Heidelerche kommen hier vor. Im mittleren Teil finden sich seltene Traubeneichen-Kiefernwälder mit imposanten Altbäumen. Hier hat auch der seltene wie imposante Held- oder Eichenbock ein Refugium gefunden.
Das Museum im ehemaligen Konsumgebäude in Kummersdorf Gut ist ein erster Schritt für die Erschließung des Geländes. Ziel ist es, das einst ausschließlich militärischen Zwecken vorbehaltene Gebiet unter Beachtung der Aspekte von Natur- und Denkmalschutz als Museum in der Natur zu öffnen und in all seinen Facetten erlebbar zu machen. Ausstellungen und Führungen über das Gelände sollen die historischen Zusammenhänge, die das Areal geprägt haben, verdeutlichen. Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit Krieg, dessen Vorbereitung und dessen Folgen.
Zu den Führungen gehören ein Besuch der Ausstellung, eine Besichtigung des ehemaligen Kasernenbereichs und eine Tour zu den noch zugänglichen Bereichen der ehemaligen Schießbahn.


Carsten Preuß

Historisch-Technisches Museum
15838 Am Mellensee/OT Kummersdorf-Gut
Konsumstraße 5
Telefon/Fax 033703-77048
E-Mail info@museum-kummersdorf.de
www.museum-kummersdorf.de
Öffnungszeiten
Sonntag 13 bis 17 Uhr

Brückenpfeiler der Eisenbahnpioniere im Schumkasee; Glattnatter (Coronella austriaca) in der Kummersdorfer Heide · Fotos: Carsten Preuß

 

 

KW 7

Zampern

Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen ist die Erinnerung an das Zampern. Mein Heimatort Klein Schauen und das angrenzende Busch gehörten damals zur Gemeinde Görsdorf. Die bunt verkleidete Dorfgemeinschaft zog den ganzen Tag von Haus zu Haus. Auf den Höfen gab es Deftiges zu essen, die kleine Kapelle, die uns begleitete, spielte Lieder wie »Es gibt kein Bier auf Hawaii« oder »Heidi«. Jeder tanzte, alle sangen mit und natürlich wurde viel getrunken.
Bis auf die kalten Füße war das für uns Kinder der Höhepunkt des Jahres. Der jährlich wiederkehrende Vertreibungszauber ist eine Tradition aus dem Sorbischen. Der Frühling wurde von Indianern, Kellnern, Beduinen und Clowns herbei gesehnt.
Vieles hat sich seither im Dorf verändert. Klein Schauen ist zu einem Ortsteil von Storkow geworden und das Erscheinungsbild des Dorfes ist moderner. Das Zampern ist aber geblieben. Mit wärmender Unterwäsche unterm Kostüm, Schnäpsen im Gepäck und der Kapelle geht es immer noch von Haus zu Haus. Tschüss Winter. Willkommen Frühling, wie vor Jahrzehnten.

Wie der Brauch, der zeitlich zum Ende der Fastenzeit stattfindet, stammt auch der Begriff Zampern aus dem sorbischen Sprachgebiet. Zampern (abgeleitet von camprowanje) bedeute soviel wie »Heischen« oder »Einfordern«. In einigen Orten ist es das Zempern.
Quelle: Wikipedia
Andreas Batke


Zampern heute · Foto:  Andreas Batke
Inge Herrmann, später verheiratete Lehmann, in den 1950er Jahren

 

KW 6

Auf gutem Grund - Der Boden-Geo-Pfad in den Sperenberger Gipsbrüchen und Klausdorfer Tongruben  

Nicht nur die Schwerkraft verbindet uns mit dem Boden unter unseren Füßen, vielmehr ist ohne Boden das Leben in seinen vielfältigen Formen nicht möglich. Aber es ist nicht leicht, Böden in ihrer Vielfalt, ihrer Farbigkeit und in ihren bizarren Mustern zu betrachten. Mit dem Boden-Geo-Pfad im Landkreis Teltow-Fläming werden die Bodenwelten für jedermann erlebbar. Der Lehrpfad liegt rund 30 Kilometer südlich von Berlin in der Gemeinde Am Mellensee in den Sperenberger Gipsbrüchen und den Klausdorfer Tongruben. Die Landschaft gehört zum Teltow, der sowohl eine Hochfläche, als auch eine historische Kulturlandschaft bezeichnet.
Die Besucher des Boden-Geo-Pfades erwartet eine einzigartige, von den Eiszeiten geformte Landschaft. Anhand von Bodenprofilen werden verschiedene Bodentypen wie Parabraunerde, Kolluviom, Regosol (ein gering entwickelter Bo­den mit einem humosen Oberboden der erst durch den Tonabbau entstand), Braunerde (die Braunerde kann als Charakterboden der »Märkischen Streusandbüchse« angesehen werden), Niedermoor und auch anthropogene Böden beschrieben. Infotafeln geben darüber hinaus Auskunft über die Böden, deren Entwicklungsgeschichte und Nutzung sowie über die ökologischen Potenziale der Böden.
Mehr über den Geo-Boden-Pfad lesen Sie auf den Seiten 134–138.
Carsten Preuß


Infotafel am Boden-Geo-Pfad · Fotos: Carsten Preuß

 

KW 5

Das Judasohr

Es gibt wohl nur wenige Pilzarten, die Geschichte geschrieben haben, wenn auch indirekt. In diesem Falle sogar Religionsgeschichte! Dem Judas­ohr (Auricularia auricula-judae) war das vergönnt!
Einer Legende nach erhängte sich Judas an einem Holunderbaum, der mit dieser Pilzart besiedelt war. Da kann man nur sagen: Nomen est omen! Damit wäre auch gleichzeitig geklärt, welcher Strauch als Substrat bevorzugt wird. Das Judasohr betätigt sich hier als Schwächeparasit an kränkelnden Stämmen und Ästen. Bei starkem Befall geht es aber auch anderen Baumarten an den Kragen. Besonders Rotbuche und Ahorn stehen in der Gunst des Judasohrs.
Die faltigen Fruchtkörper sind wahre Stehaufmänn­chen und überstehen Trockenheit und längere Frostperioden. Es werden Fruchtkörper gebildet – eben die Judasohren, als wäre nichts geschehen. So findet sich der Pilz das ganze Jahr.
Wo lohnt es sich zu suchen? Holundersträucher mögen stickstoffreiche Orte. Besonders viele Vorkommen gibt es auf ehemaligen Deponiestandorten. Die kaum sanierte Müllkippe am Schwarzen Luch/Motzen bietet beste Bedingungen für beide Tandempartner, Pilz und Pflanze.
Appetitliches Aussehen, der knorpelige Kaugenuss und exzellente Trockenpulvereigenschaften verhelfen dem Judasohr und seinen Verwandten in verschiedenen Teilen der Welt zum Ruf des edlen Speisepilzes. Besonders die ostasiatische Küche kommt ohne das Judasohr kaum  aus; hierbei handelt es sich um die nah verwandte Sippe Auricularia polytricha. Dabei ist diese Art geruchs- und geschmacksneutral. Die wahren Akteure sind zugesetzte Gewürze. Der Pilz selbst punktet dann mit appetitlichem Aussehen der Speise. Er ist quasi ein Pilz-Sahnehäubchen! Ohne künstlichen An­bau wäre der Bedarf nicht zu decken. Das geschieht in Japan und China auf gedüngtem Holzmehlsubstrat. Die Medizin konnte außerdem eine Gesundheitsvorsorge- und Heilwirkung in puncto Krebs­prophylaxe, contra Entzündungen und zur Blutgerinnungsoptimierung nachweisen.
Wolfgang Klaeber

Judasohr · Foto: Sabine Schmidt

 

KW 3

Alle Jahre wieder. Warum trifft sich der NABU zu Pflegeeinsätzen im Naturschutzgebiet Töpchiner Seen?  

Seit Anfang der 1990er Jahre pflegen Mitglieder des NABU Dahmeland eine Reihe von Flächen in Naturschutzgebieten, manche sogar noch länger. Da waren die Naturschützer noch in der Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund der DDR aktiv und betreuten zum Beispiel Schutzgebiete wie das Sutschketal. Die Fläche im NSG »Töpchiner Seen«, eine Feuchtwiese, steht seit Anfang der 1990er Jahre auf dem Pflegeflächenplan. Bis zum Ende der DDR wurde die Wiese von Kleintierhaltern, genauer von Kaninchenzüchtern, zur Gewinnung von Viehfutter gemäht. Dann war die Kaninchenhaltung nicht mehr attraktiv, keiner brauchte mehr das Futter. Der NABU nahm sich der Fläche an. Unter Federführung des NABU wurde im Jahr 1991 ein Fördermittelprojekt beantragt und damit auch unsere Pflegefläche erstmals gemäht. In den darauffolgenden Jahren mähten noch Zivildienstleistende die Wiese, später wurde die Fläche dann nur durch ehrenamtliche Arbeit gepflegt. Mitte der 1990er Jahre wurden die Pflegeeinsätze immer seltener, erst ab 1999 wurde wieder intensiv zweimal pro Jahr gemäht und Erlen- bzw. Weidenaufwuchs abgeschnitten. 1999 war die Wiese stark mit jungen Erlen zugewachsen. Gemeinsam mit Jägern aus Töpchin und Töpchin-Waldeck schafften wir es im Laufe der Jahre aber, die Fläche wieder auf ihre ursprüngliche Größe zu erweitern, einen 10 bis 15 Meter breiten Streifen entlang des Eichenwaldes regelmäßig zu mähen und eine artenreiche Feuchtwiese mit teilweise höherem Seggenanteil zu entwickeln. An den Feucht- und Seggenwiesenstreifen schließt sich Richtung Moorzentrum ein basenreicher Schwingmoorbereich an, der aber aufgrund zu geringer Wasserstände zunehmend verbuscht und bewaldet.
Der Jäger Kurt Bahlke aus Töpchin Waldeck erzählt immer wieder, dass vor und nach dem zweiten Weltkrieg nahezu das ganze Moor gehölzfrei war, da im Winter der Aufwuchs immer als Stalleinstreu für das Vieh gewonnen wurde. Diese Nutzung gibt es aber schon lange nicht mehr. Im Rahmen der landwirtschaftlichen Intensivierung (Komplexmelioration) in den 1970er und 1980er Jahren wurden auch an den Töpchiner Seen die Moorbereiche stark entwässert. Dies führte zu einer weiteren Vererdung des Torfes, mit einsetzender Nährstofffreisetzung und Verlust der ursprünglich nährstoffarmen Standorte. Damit wurden die z.T. von Natur aus gehölzarmen oder -freien Flächen durch Erlen, Weiden und Moorbirken besiedelbar.
Diesen Schwingmoorbereich halten wir bei tragfähigem Eis nun schon seit zwei Jahrzehnten gehölzfrei bzw. drängen die aufkommenden Gehölze immer wieder zurück. Das hat einen guten Grund: Ziel ist es, einen Beitrag zur Erhaltung bzw. Offenhaltung eines basenreichen Niedermoores zu leisten, eines extrem seltenen Moortyps, der als sogenannter Lebensraumtyp auf der Grundlage der europäischen Fauna-Flora-Habitat-(FFH-)Richtlinie in speziellen Schutzgebieten, den sogenannten FFH- oder Natura-2000-Gebieten zu schützen und erhalten ist. Dieser Biotop wiederum ist Lebensraum für ganz charakteristische Pflanzenarten, zu denen insbesondere einige sehr seltene Moose, aber auch Orchideen wie der Sumpf-Sitter (Epipactis palustris) gehören. Bei der Besichtigung der Pflegefläche konnten im Winter 2012 recht große Bestände von Blandows Sumpf-Thujamoos (Helodium blandowii) gefunden werden, einer in Brandenburg vom Aussterben bedrohten Moosart (Rote Liste 1). Im Jahre 1998 wurde eine weitere vom Aussterben bedrohte Moosart, das Echte Sumpfmoos (Paludella squarrosa) gefunden, weitere seltene Moosarten können erwartet werden. In den Bereichen Richtung Moorzentrum, die bereits einen scheinbar stabilen, lichten Moorbirken-Bestand aufweisen, wächst als dritte vom Aussterben bedrohte Art das Warnstorfsche Torfmoos (Sphagnum warnstorfii).
In einem Bereich wurde 2012 eine Fläche gemäht, auf der vermutlich bis vor wenigen Jahren noch das vom Aussterben bedrohte Sumpf-Glanzkraut (Liparis loselii) wuchs, eine Orchidee und gleichzeitig FFH-Art. Eventuell haben sogar noch einzelne Exemplare ungesehen überdauert und der Bestand kann sich aufgrund der Pflege wieder ausbreiten.
Aber auch am Wiesenrand ist aufgrund der Pflegemahd eine Vielzahl von Rote-Liste-Arten zu finden, die ohne Mahd durch die Gehölzbeschattung eines Erlenbruchs z.T. an dieser Stelle verschwunden wären. Hier wachsen einige seltene wie schöne Arten, z.B. Steifblättriges und Breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata und majalis), einzelne Pracht-Nelken (Dianthus superbus), viel Sumpf-Dotterblume (Caltha palustris), Kleiner Baldrian (Valeriana dioica), Fieberklee (Menyanthes trifoliata) oder Großer Klappertopf (Rhinanthus serotinus).
Möchten auch Sie diese Vielfalt mit uns zusammen erhalten, dann helfen Sie uns bei unseren Pflegeeinsätzen am 19.1. und 31.8. im Naturschutzgebiet Töpchiner Seen.
Stephan Runge


Breitblättriges Knabenkraut und Pracht-Nelken · Fotos: Wolfgang Klaeber

 

KW 2

Der Austern-Seitling

Überziehen im Spätherbst erste Fröste das Land, gehen viele Tiere, Bäume und Kräuter in Winterdeckung. Eine Pilzart aber erwacht jetzt aus dem Sommerschlaf, der Austern-Seitling (Pleurotus ostreatus). Erst Frost stimu­­liert ihn zum Wachstum. Rotbuche, Pappelarten, Weiden und Erle, die Aufzählung erfolgt in der Reihenfolge der Häufigkeit, müssen ihn als Parasiten und nekrotrophen (nekrotroph = Organismus, der sich von abgetötetem Gewebe ernährt) Saprophyten fürchten. Diese Kombination verrät einen Frischholzzerstörer, der sein Werk auch im toten Baum fortsetzt. Das Ergebnis heißt beim Austern-Seitlings-Befall Weißfäule! Eintrittspforten seiner Sporen sind Wunden und Astabbrüche. Somit können Fruchtkörper in einigen Metern Höhe auftreten und nach Beendigung des Befallsdramas ebenso am Boden. Meist sprießt ein kompaktes Fruchtkörperbüschel aus dem Holz. Im Jugendzustand signalisiert die oft kräftige, taubenblaue Hutfarbe für uns einen lukullischen Genuss pur. Und tatsächlich sind hier Erwartung und Erfüllung identisch. Da Austern-Seitlinge so gut munden, hat man sich früh mit Erfolg um Zuchtmethoden bemüht. Dazu werden vor Ort zum Beispiel Holzscheiben von Rotbuchen mit Sporen beimpft und bis zum Auftreten der Fruchtkörper ständig feucht gehalten. Ab November des darauf folgenden Jahres kann geerntet werden. Auch Sägemehl und sogar Strohhäcksel führen zum Erfolg. Bereits zu DDR-Zeiten bot der Handel beimpfte Substrate für Kleingärtner an. Stroh-Holzmehlsubstrate waren damals der Renner. Doch der Gewerbsanbau besitzt einen Feind: Das weiße Sporenpulver der erntereifen Pilze weist hohe Allergeneigenschaften auf! Ohne Schutzmaske läuft in geschlossenen Räumen nichts!
Es sei noch erwähnt, dass es in Deutschland sechs Seitlingsarten (Pleurotes) gibt: Austern-Seitling, Espen-Seitling, Berindeter Seitling, Rillstieliger Seitling, Löffelstieliger Seitling und Kräuter-Seitling. Alles Namen, die für sich sprechen! Und obwohl die Seitlinge lamellige Strukturen besitzen, sind sie doch nicht mit den »echten Lamellenpilzen« verwandt.
Wolfgang Klaeber

Austern-Seitling · Foto: Wolfgang Klaeber

 

 

KW 1

Alle Sinne beieinander haben – Wind auf der Haut

Natur erkunden – das meint nicht nur Naturkunde. Wie fühlt sich Natur eigentlich an? Das kann jeder spüren und beschreiben, auch ohne dünn- oder dickbändige Naturführer, allein oder auf einer geführten Naturerlebniswanderung. Mit der Wahrnehmung fängt es an, und – zugegebenermaßen – mit etwas Freude und etwas Zeit, um raus zu gehen.
Wir wollen draußen die Jahreszeiten erleben und versuchen, mal rationale Kopfarbeit aus- und sinnliche Wahrnehmung einzuschalten. Vielleicht schleichen sich auch ein paar Erinnerungen und Gefühle herbei… Es ist also diesmal hier mit dem Lesen noch nicht ganz getan…
Fangen wir an, im Winter, gleich am Anfang des noch ganz neuen und frischen Jahres. Winter? So kann er sich anfühlen: als trockene Kälte, die in Nasen und Ohren beißt oder als nasse Kälte, die in die Sachen und in alle Glieder kriecht oder als spitznadelig in unsere Gesichter treibender eisiger Graupelregen oder… Doch wenn Winter sich nicht gerade als heller oder mild-milchiger Sonnenschein über weiße oder grünlichbraune stille Landschaft legt und auch über unsere eingemummelten Gestalten, pflegen wir ihm ganz gern auszuweichen: zu kalt, zu nass, zu grau…, im Wohnzimmer ist’s gemütlicher.
Da wir aber schon von unseren Großmüttern wissen, dass frische Luft gut tut – und sie haben Recht! – versuchen wir es doch mal: Raus gehen bei jedem Wetter, allein oder zu zweit, ein paar Minuten still sein, auch das »Geschnatter« im Kopf einfach ziehen lassen. Wie fühlt sich der Winter denn heute an? Frisch pustender Wind auf der Haut? Im Gesicht zerspringende dicke Regentropfen? Schneeflocken auf den Wangen, wie der Schmelz zarter Kinderküsschen? Eisig-sonnige Kälte? Mit geschlossenen Augen intensivieren sich unsere anderen Sinne, einfach mal versuchen: stehen bleiben, Augen zu, nur atmen und sich ganz langsam nacheinander in alle vier Himmelsrichtungen drehen, wahrnehmen auf der Haut, was ist.
Dann nach Hause. Mit den Händen über die noch kühlen Wangen streichen. Sie fühlen sich jetzt zart an und weich. Ab in die warme Stube, mit heißem Tee und einem Lächeln.
Ghislana Poppelbaum


Foto: Ghislana Poppelbaum

 

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